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Ausgabe
August 2006
Insektengift-Allergie
ist heilbar
Mastozytose-Patienten
am meisten gefährdet
Wenn das Obst reif wird,
kommen sie oft in Massen und können vor allem beim Genuss
von süßen Speisen und Getränken im Freien eine richtige
Plage sein: Wespen. Die meisten Menschen versuchen aus Angst
vor einem schmerzhaften Stich, die Insekten zu vertreiben,
oder sie treten gar selbst die Flucht an. Für Menschen mit
einer Insektengift-Allergie können Wespen oder auch Bienen
richtig gefährlich werden. Sie reagieren nach einem Stich
nicht nur mit einer Schwellung und Rötung der
Einstichstelle, sondern können lebensgefährliche Symptome
erleiden, die den ganzen Organismus betreffen. Die Deutsche
Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI),
der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) und die
Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin
(GPA) raten dringend zu einer spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung)
bei einem auf Allergien spezialisierten Arzt.
Millionen Menschen sind
Insektengift-Allergiker
In Deutschland sind etwa drei Prozent der
erwachsenen Bevölkerung, also 2,5 Millionen Menschen, von
einer Allergie auf das Gift von Wespen oder Bienen
betroffen. „Auch Kinder reagieren auf Insektengift
allergisch – sie sind allerdings seltener betroffen als
Erwachsene“, sagt der Kinderarzt und GPA-Vorsitzende
Professor Carl Peter Bauer aus Gaißach.
Insektengift-Allergiker können nach dem Stich
einer Biene oder Wespe bereits innerhalb kürzester Zeit mit
Hauterscheinungen wie Nesselsucht, Hautrötung und
Hitzegefühl, mit Blutdruckabfall, Herzrasen und
Schwächegefühl, oder sogar mit Atemnot bis hin zu
Bewusstlosigkeit reagieren. Im schlimmsten Fall kommt es
durch die Insektengift-Allergie zu einem tödlichen
Allergieschock oder Atemversagen. Professor Bauer: „Auf
jeden Fall sollte beim Eintreten erster Symptome, die nicht
auf die Einstichstelle begrenzt sind, ein Notarzt gerufen
werden. Bei Kindern sind Todesfälle durch eine
Insektengift-Allergie sehr selten, dennoch sind die Symptome
sehr ernst zu nehmen. Es muss rasch reagiert werden.“ Auch
wenn zunächst bei einer Allgemeinreaktion ein schwerer
Schock ausbleibt, sollten die Patienten noch bis zum
nächsten Tag beobachtet werden und unbedingt einen Facharzt
mit allergologischer Zusatzausbildung aufsuchen.
Nicht einmal jeder Zehnte nutzt heilende
Therapie
Die Ursache der Insektengift-Allergie sind
bestimmte Abwehrkörper (Immunglobulin E, IgE-Antikörper) im
Blut der Erkrankten. Sie reagieren mit Molekülen
(Allergenen) des Insektengiftes. Bei einem einzigen
Wespenstich gelangen etwa 5.000 Milliarden Moleküle des
Hauptallergens in den Organismus. Wenn diese an die
spezifischen IgE-Antikörper binden, setzen bestimmte
Immunzellen (Mastzellen) Botenstoffe frei, die innerhalb von
Sekunden bis Minuten die gefürchteten Symptome auslösen.
Eine Insektengift-Allergie kann fast immer
geheilt werden. Dazu erhalten die Patienten über einen
Zeitraum von mindestens drei Jahren Insektengiftallergene in
den Oberarm injiziert. Anfangs erfolgen die Injektionen zur
Dosissteigerung in kurzen Abständen, bis bereits eine
gewisse Menge des Allergens gut vertragen wird. Anschließend
wird drei bis fünf Jahre lang alle vier bis sechs Wochen
eine Erhaltungsdosis verabreicht. So wird das Immunsystem
langfristig weniger empfindlich gemacht – hyposensibilisiert.
Auch Kinder können mit einer spezifischen Immuntherapie
behandelt werden. Kinder können in der Regel ab dem sechsten
Lebensjahr in Einzelfällen auch früher hyposensibilisiert
werden“, versichert der Kinderarzt und Allergologe Professor
Bauer. „Diese Methode schützt in nahezu allen Fällen vor der
gefährlichen Sofortreaktion des Körpers. Die Erfolgsquote
liegt bei fast 100 Prozent.“
„Da nahezu jeder Patient mit
Insektengift-Allergie durch eine korrekt ausgeführte
spezifische Immuntherapie sicher geschützt werden kann, ist
es unbegreiflich, dass derzeitig weniger als zehn Prozent
der Insektengift-Allergiker hyposensibilisiert werden“,
bedauert Professor Bernhard Przybilla von der
Ludwig-Maximilians-Universität München. „Angesichts der fast
100-prozentigen Wirksamkeit bei einer lebensbedrohlichen
Erkrankung ist das ein katastrophaler Prozentsatz!“
Bis der Erfolg der Immuntherapie eingetreten
ist, sollten Insektengift-Allergiker zudem Medikamente zur
schnellen Selbstbehandlung für den Notfall bei sich tragen.
Die Notfallapotheke besteht aus einem
Adrenalin-Autoinjektoren, einem oralen Kortisonpräparat und
einem Antihistaminikum.
Mastozytose-Patienten
besonders gefährdet
Bei einigen Menschen sind die Mastzellen
krankhaft vermehrt. Diese Erkrankung wird als Mastozytose
bezeichnet. Bei den Betroffenen ist das Enzym Tryptase
vermehrt im Blut zu finden und es können bräunliche Flecken
auf der Haut auftreten, die Muttermalen ähneln.
„Etwa zehn Prozent der Patienten mit einer
Bienen- oder Wespengift-Allergie haben einen erhöhten
Tryptasewert und bei etwa 2,5 Prozent diagnostizieren wir
eindeutig eine Mastozytose", berichtet Privatdozentin Dr.
Franziska Ruëff von der Klinik und Poliklinik für
Dermatologie und Allergologie der
Ludwig-Maximilians-Universität München. „Die Vermehrung von
Allergie-Zellen im Körper hat bei Insektengift-allergischen
Patienten äußerst schwere Reaktionen zur Folge: Mehr als 80
Prozent von ihnen erleiden einen Schock oder eine nahezu
tödliche Reaktion, während dies bei Patienten ohne
Mastozytose nur bei weniger als 20 Prozent der Fall ist."
Spezifische Immuntherapie praktisch immer
erfolgreich
Wegen der besonderen Bedrohung sollten
Patienten mit Mastozytose und einer Insektengift-Allergie
unbedingt hyposensibilisiert werden. Die Behandlung hilft
praktisch immer. Ungefähr jeder fünfte Patient benötigt
jedoch eine erhöhte Allergendosis. „Der Behandlungserfolg
sollte durch einen Stichprovokationstest mit einem lebenden
Insekt in Anwesenheit eines Notfallmediziners überprüft
werden“, sagt der Allergologe Professor Przybilla. Bei
Mastozytose-Patienten mit einer Insektengift-Allergie ist
eine lebenslange Immuntherapie erforderlich.
„Viele tragische Todesfälle durch Bienen-
oder Wespenstiche könnten vermieden werden, wenn rechtzeitig
eine spezifische Immuntherapie begonnen würde", erklärt
Professor Przybilla. „Besonders wichtig ist diese Behandlung
für Patienten mit erhöhtem Tryptasewert im Blut oder mit
Mastozytose. Die Besonderheiten ihrer Therapie wurden in
einer Leitlinie der DGAKI detailliert dargestellt."
Vorbeugen hilft Notfälle verhindern
Die Allergologen raten auch zu vorbeugendem
Verhalten. Einfache Maßnahmen können die Gefahr eines
Insektenstichs verringern:
·
Süße Speisen und Getränke nicht
im Freien verzehren. Nach dem Essen Hände waschen und Mund
abwischen.
·
Stark duftende
Körperpflegemittel (unter anderem in Parfüms und Cremes)
möglichst meiden.
·
Den Körper bedeckt halten und
nicht barfuß laufen. Ungünstig sind lose sitzende, leichte
Bekleidungsstücke und dunkle Farben, zu bevorzugen sind
helle Farben. Kein offenes Schuhwerk.
·
Bienen- oder Wespennester und
deren Einzugsbereich meiden. In Anwesenheit von Bienen und
Wespen auf jeden Fall Ruhe bewahren und rasche Bewegungen
vermeiden.
·
Die Nähe von Abfallkörben oder
Fallobst meiden.
·
Przybilla B, Ruëff F, Fuchs
T, Pfeiffer C, Rakoski J, Stolz W, Vieluf D:
Insektengiftallergie: Leitlinie der Deutschen
Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie
(DGAKI); Allergo J 2004, 13:186-190
·
Przybilla B, Müller U,
Jarisch R, Ruëff F: Erhöhte basale
Serumtryptasekonzentration oder Mastozytose als
Risikofaktor der Hymenopterengiftallergie: Leitlinie der
Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische
Immunologie (DGAKI). Allergo J 2004;13:440-442
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