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Ausgabe
August 2006

Hyposensibilisierung auf einen Blick
Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch als
Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung bekannt, ist die
derzeit einzige ursächliche Behandlungsmethode gegen eine
Allergie auf Insektenstiche und Atemwegsallergien aufgrund
von Pollen, Milben, Tierhaare oder Schimmelpilzen.1
Seit Entdeckung dieser Therapie vor etwa 100
Jahren sind insbesondere in den letzten Jahren eine Vielzahl
von Variationen dieser Behandlungsform entwickelt worden.
Unterschiede gibt es in der Darreichungsform, Häufigkeit der
Gabe und Dauer der Behandlung. Die Wirkung der SIT ist
inzwischen gut dokumentiert. „Eine spezifische Immuntherapie
führt bei Menschen mit Heuschnupfen zu einer deutlichen und
lang anhaltenden Linderung der Beschwerden und kann vor
Asthma schützen“, erläutert
Professor Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAKI).
Dennoch wird die SIT immer noch viel zu
selten eingesetzt.2
Dabei handelt es sich hierbei um die einzige kausale, also
ursächliche Therapie bei Allergien. Die Wirksamkeit ist gut
belegt. Die Erfolgsquoten liegen zwischen 80 und 90 Prozent,
bei Insektengift-Allergien bei nahezu 100 Prozent.
Voraussetzungen für die erfolgreiche Behandlung sind ein
ausführliches Arztgespräch, eine gründliche Diagnostik und
eine individuelle Therapie, möglichst durch einen
allergologisch erfahrenen Arzt.
95 Jahre Forschung – Durchbruch in den
letzten Jahren
Die allergen-spezifische Immuntherapie (SIT)
wurde erstmals 1911 von Noon in der Fachzeitschrift „The
Lancet“ vorgestellt.3
Aber noch in den späten 70er Jahren beklagten die
Wissenschaftler Jäger und Wenz, dass viele Probleme der
Hyposensibilisierung immer noch nicht gelöst seien: „Die
Standardisierung von Allergenen, die Optimierung der Dosis
und die Auswahl eines geeigneten Applikationsintervalls sind
Fragen, die in nächster Zukunft gelöst werden sollten.“4
Zum
derzeitigen Wissen über die Wirkungsweise der SIT erläutert
Professor Ludger Klimek, Leiter des Allergiezentrums
Wiesbaden und Vorstandsmitglied im Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA): „Nach heutiger Vorstellung führt eine
spezifische Immuntherapie zu einer Toleranzinduktion und
Umorientierung der Produktion von Botenstoffen, den so
genannten Zytokinen. Das bei der allergischen Reaktion
dominierende Zytokinmuster bestimmter weißer Blutkörperchen
wird zugunsten anderer zurückgedrängt. Gleichzeitig werden
regulatorische T-Zellen aktiviert. Das entspricht eher einer
physiologischen Reaktion des Immunsystems.“
Spezifische Immuntherapie macht das
Immunsystem tolerant
Die „klassische“ SIT ist die derzeitig
noch am häufigsten verwendete Form der Immuntherapie. Sie
wirkt effektiv und zuverlässig gegen allergischen Schnupfen
und allergisches Asthma aufgrund von Pollen, Hausstaubmilben
und Tierhaaren5,
aber auch gegen Insektengift-Allergien. Dabei wird ein
Allergen-Präparat zunächst wöchentlich in aufsteigender
Dosierung unter die Haut gespritzt (Aufsättigungsdosis).
Anschließend wird über einen Zeitraum von drei Jahren etwa
alle vier bis sechs Wochen eine Erhaltungsdosis injiziert.
Die Therapie konfrontiert das Immunsystem des Betroffenen
immer wieder mit dem Allergen (Allergieauslöser) und macht
es so dagegen unempfindlich (Toleranzentwicklung).
Bei der Cluster-Immuntherapie wird die
zeitaufwändige Dosissteigerungsphase erheblich verkürzt. Die
Betroffenen erhalten mehrmals täglich
Allergen-Depot-Präparate und erreichen so die
Erhaltungsdosis innerhalb weniger Tage.
„Mit der Cluster-SIT treten nicht mehr Nebenwirkungen auf
als bei der herkömmlichen Dosissteigerung. Für die Patienten
bedeutet diese Therapie einen erheblichen Zeitgewinn“, so
Professor Klimek.
Eine weitere Alternative ist die so genannte
Kurzzeit-Immuntherapie. Diese Methode der
Schnell-Hyposensibilisierung wird vor der Pollen-Saison mit
insgesamt vier oder sieben Injektionen im Abstand von etwa
einer Woche durchgeführt.
Eine andere Variante stellt die
sublinguale Immuntherapie (SLIT) dar. Hier werden die
Allergene täglich in Tropfenform unter die Zunge geträufelt
und dort einige Zeit behalten.
Neue Anwendungsformen in der Entwicklung
Bis zum Ende des Jahres soll auch eine
Tabletten-Immuntherapie in Form einer schnell löslichen
Allergentablette zur Verfügung stehen. Die Tablette löst
sich sekundenschnell auf, so dass ein vorschnelles
Verschlucken vermieden wird. Die SIT in Form von Tabletten
erfordert nicht den regelmäßigen Gang zum Arzt. Der Patient
wendet die Mittel einfach zuhause an. Es wird damit
gerechnet, dass einfach anzuwendende Neuentwicklungen wie
die Tabletten-Immuntherapie eine breitere Anwendung der
kausalen Allergiebehandlung ermöglichen. Derzeit erhalten
noch viel zu wenige Menschen mit Heuschnupfen eine SIT.
Therapieversagen ist nicht gleich
Unwirksamkeit
Wenn die spezifische Immuntherapie
anscheinend nicht wirkt, kann das einen einfachen Grund
haben: Nicht nur Blütenpollen, sondern auch Sporen von
Schimmelpilzen können allergieauslösend sein. So hat Uta
Rabe, Allergologin und
Leitende Ärztin im Johanniter-Krankenhaus Treuenbrietzen,
über 1.000 Menschen mit Heuschnupfen und Asthma auf eine
Allergie gegen den Schimmelpilz Alternaria untersucht. Die
Schimmelpilz-Allergie konnte bei etwa fünf Prozent der
Untersuchten nachgewiesen werden. „Treten nach einer
Hyposensibilisierung immer noch starke Beschwerden auf,
sollte an eine Schimmelpilz-Allergie gedacht werden. Gerade
im Sommer, also während der Pollensaison, fliegen auch die
Schimmelpilz-Sporen. Diese werden bei der Diagnostik
allergischer Erkrankungen, aber auch bei den
Pollenflugvorhersagen kaum berücksichtigt“, so Rabe.
Auch bei Allergien auf den Schimmelpilz Alternaria kann eine
SIT mit standardisierten Allergenen durchgeführt werden.
Allergene, Allergoide und andere
Für die spezifische Immuntherapie werden
gereinigte Allergene aus natürlichem Material verwendet.
Heute gelingt es mit Hilfe aufwendiger immunologischer
Verfahren, eine Standardisierung der Präparate von hoher
Qualität und Wirksamkeit zu gewährleisten. Standardisierte
Allergene gibt es seit etwa 25 Jahren.
Es werden aber auch modifizierte Allergene
für die SIT verwendet: so genannte Allergoide. Dabei handelt
es sich um Allergene, bei denen die Eiweißstruktur chemisch
verändert wurde.
Rekombinante Allergene sind
biotechnologisch hergestellte, exakt definierbare
Allergene, die bisher nur in der Diagnostik routinemäßig
eingesetzt werden.
1. Kleine Tebbe J et al.:
Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) bei
IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. Leitlinie der
DGAKI, des ÄDA und der GPA. Allergo Journal 2006; 15: 56-74
2. Bousquet J, Lockey RF,
Malling, HJ. Allergen Immunotherapy: therapeutic vaccines
for allergic diseases. WHO position paper. Allergy
1998;53:1-42
3. Noon L. Prophylactic
inoculation against hayfever, The Lancet 1911; 1:1572.
4. Jäger L, Wenz W.
Situation and trends of hyposensitisation treatment. Allerg
Immunol (Leipz.) 1979;25(1):10-24
5. Bousquet J,
Van
Cauwenberge P,
Khaltaev N;
Aria
Workshop Group;
World
Health Organization. Allergic rhinitis and its
impact on asthma. J Allergy Clin Immunol. 2001 Nov;108(5
Suppl):S147-334.
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