|
Ausgabe
Dezember 2006
Alternativmedizin
Alternative Diagnostik und Therapie bei Allergien
Die
fachärztliche Behandlung von Allergien und allergischem
Asthma hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte
gemacht. In einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien sind
die guten Wirkungen verschiedener Medikamente eindeutig
belegt worden. Auch die spezifische Immuntherapie
(Allergie-Impfung) bewährt sich seit langen Jahren. Doch
nicht alle Allergiker vertrauen der Schulmedizin. Viele
greifen auf alternative Heilverfahren oder alternative
Methoden zur Allergiediagnostik zurück.
Der
Einsatz alternativer Methoden bei Allergien ist allerdings
umstritten. „Alternative Heilverfahren werden in der Regel
auch nicht von den Krankenkassen bezahlt, weil meistens ein
Wirkungsnachweis fehlt,“ erklärt der Präsident des
Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA), Professor
Wolfgang Czech aus Villingen-Schwenningen. Trotzdem sorgen
alternative Heil- und Testmethoden wie Pendeln,
Eigenblutbehandlung, Bioresonanz- und Bachblüten-Therapie
als Wundermittel gegen Allergien immer wieder für
Schlagzeilen. Was ist also dran an der alternativen
Allergiebehandlung?
Allergologen haben Alternativmethoden unter die Lupe
genommen
Die
Arbeitsgruppe Komplementärmedizin der Deutschen Gesellschaft
für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) hat
Alternativmethoden nach eingehender Sichtung der dazu
vorliegenden wissenschaftlichen Studien bewertet.1
Mit Ausnahme bewährter Methoden wie Atem- und
Physiotherapie, Kneipp´sche Verfahren, Bade- oder
Klimatherapie fanden die Experten um den Münchener
Allergologen Professor Wolfgang Dorsch fast keine Beweise
für eine Wirksamkeit:
Methode |
Beschreibung |
Wirknachweis |
|
Akupunktur |
Reizung bestimmter Punkte am Körper durch Nadeln. |
Kontrollierte Studien belegen Effekte bei leichtem
Asthma. Als Ergänzung klassischer Therapieverfahren
der Lungenheilkunde akzeptabel. |
|
Elektroakupunktur
nach Dr. Voll |
Änderungen elektrischer Potenziale an
Akupunkturpunkten sollen Aufschluss über
Krankheitsursachen geben. |
Bereits 1976 im Beisein von Dr. Reinhold Voll
widerlegt. |
|
Behandlung mit Eigenblut |
Venös entnommenes Blut wird dem Patienten in einen
Muskel gespritzt; in einer homöopathischen Variante
in Wasser oder Alkohol gelöst zum Trinken gegeben. |
Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit liegen nicht
vor. Dagegen kann es nach der Injektion zu
schmerzhaften Entzündungen kommen. |
|
Autohomologe Immuntherapie nach Dr. Kief |
Speziell aufbereitetes Blut oder Urin werden
geschluckt, inhaliert oder injiziert. |
Ein
nachvollziehbarer Wirksamkeitsnachweis fehlt. Die
Methode ist extrem teuer. |
|
Aromatherapie, Farbtherapie |
Inhalation von duftenden Pflanzenessenzen oder
Bestrahlung mit farbigem Licht. |
Autosuggestion bzw. Plazebowirkung: harmlos aber
wirkungslos. |
|
Bach-Blütentherapie |
Frische Blüten ausgewählter Pflanzen werden über
Nacht in frisches Quellwasser gelegt. Die Essenz
wird am nächsten Morgen eingenommen oder
weiterverarbeitet. |
Das
tropfenweise Trinken von Blumenwasser hat sehr
wahrscheinlich keine Wirkung. |
|
Kinesiologie |
Allergien werden durch Kontakt von Allergieauslösern
mit nachfolgender Änderung der Muskelspannung
nachgewiesen. |
Widerlegt in einer Doppelblindstudie mit einem
erfahrenen Kinesiologen. Die Methode versagte auch
bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. |
|
Pendeln |
Allergien werden durch Auspendeln festgestellt. |
Keine Aussagekraft, die Methode beruht nur auf
Suggestion. |
|
Bioresonanz und verwandte Techniken |
Durch den Kontakt mit Allergenen verursachte
„ultrafeine Schwingungen“ bzw. elektrische Phänomene
sollen mittels eines speziellen Gerätes messbar und
auch löschbar sein. |
Klinische Studien zeigten, dass Bioresonanz weder
für die Diagnostik noch für die Therapie von
Allergien geeignet sind.2 |
|
Homöopathie |
Verwendung von sehr stark verdünnten
(„potenzierten“) Wirkstoffen. |
Bisher konnten nur für die Pflanze Galphimia
glauca in einer bestimmten Verdünnung Hinweise
auf Wirksamkeit bei Heuschnupfen gezeigt werden. |
|
Traditionelle Chinesische Medizin |
Verwendung von traditionell überlieferten Mischungen
von Heilpflanzen. |
Die
komplexen Mischungen enthalten oft Dutzende
Wirkstoffe, teilweise mit Wechselwirkungen, die eine
wissenschaftliche Beurteilung erschweren. Es gibt
sowohl Hinweise auf Wirksamkeit als auch auf schwere
Nebenwirkungen. |
„Alternative Methoden sind keine wirkliche Alternative. Sie
können die klassische Therapie nicht ersetzen“, sagt
ÄDA-Präsident Professor Czech. Ein ausreichender
Wirknachweis bei Allergien liegt nach Ansicht des Facharztes
bisher nicht vor. „Die Betroffenen sollten unbedingt auch
einen Allergologen aufsuchen. Bei Heuschnupfen sind
Antihistamin-Tabletten zur Linderung der Symptome sowie
Kortison-Nasensprays zur Entzündungshemmung sehr
empfehlenswert. Außerdem kann die Allergieursache mit einer
spezifischen Immuntherapie (Allergie-Impfung) wirksam und
langfristig bekämpft werden. „Danach sind die meisten
Patienten weitgehend beschwerdefrei“, so Professor Czech.
Auch
der Präsident der DGAKI, Lungenfacharzt Professor Gerhard
Schultze-Werninghaus aus Bochum, rät zum Facharztbesuch:
„Mit den heute zur Verfügung stehenden
Behandlungsmöglichkeiten können wir sogar Asthma gut in den
Griff bekommen. Niemand muss sich mit ständigen
Asthmasymptomen abfinden“, so Schultze-Werninghaus.
Eine
Neurodermitis muss nicht immer mit Cortisonsalben behandelt
werden. Eine konsequente regelmäßige Basispflege, eine
genaue Diagnostik und anschließende Vermeidung der
auslösenden Allergene sowie die frühzeitige antientzündliche
Therapieerweiterung im Falle eines Schubes ermöglichen in
der Regel eine Stabilisierung des Patienten. Die
strukturierte Patientenschulung nach den Vorgaben der
Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (AGNES) trägt
zusätzlich zur Stabilisierung bei. „Für so genannte
alternative Methoden dagegen konnte ein wissenschaftlich
fundierter Wirkungsnachweis bisher nicht erbracht werden“,
erklärt der Kinderallergologe Professor Carl-Peter Bauer, 1.
Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie
und Umweltmedizin (GPA) aus Gaißach.
1 Dorsch, W.,
Ring, J.: Komplementärmethoden oder sogenannte
Alternativmethoden in der Allergologie. Allergo Journal 3:
163-170, 2002.
2 Wüthrich B et
al.: Bioresonanz – diagnostischer und therapeutischer
Unsinn. Allergo Journal 15: 338-343, 2006.
|