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Ausgabe
Januar 2006
Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA)
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAKI)
5. Januar 2006

Experten raten zu Immuntherapie
und Notfallmedikamenten
Anaphylaxie – Wenn Allergiker einen Schock erleiden
Die 10jährige Kathrin* kam vorerst mit dem Schrecken davon:
Im Sommer war sie barfuß über eine Wiese gelaufen und dabei
von einer Wespe in den Fuß gestochen worden. Die Einstichstelle
schwoll schmerzhaft an, darüber hinaus trat aber auch ein
Ausschlag am ganzen Körper auf. Kathrin begann außerdem zu
husten und rang nach Luft. Der von den Eltern herbei gerufene
Notarzt bekam diese Symptome schnell in den Griff. Er vermutete
eine Allergie auf Wespengift, verabreichte ein Antihistaminikum
sowie Kortison und empfahl, möglichst bald einen auf Allergien
spezialisierten Arzt aufzusuchen. Der konnte die Verdachtsdiagnose
bestätigen. „Wir haben bei Kathrin anhand von Hauttests
und einer Blutuntersuchung eine Insektengift-Allergie festgestellt.
Für Patienten wie Kathrin kann
ein Stich lebensbedrohlich sein. Sie müssen unbedingt mit
einer Hyposensibilisierung als einzige ursächliche Therapie
behandelt und mit Medikamenten für den Notfall ausgestattet
werden“, sagt Professor Dr. Thomas Fuchs vom Ärzteverband
Deutscher Allergologen (ÄDA).
Schockgefährdete Allergiker müssen sich behandeln lassen
Das Immunsystem von Allergiepatienten ist krankhaft überempfindlich.
Es reagiert mit einer heftigen Abwehr auf an sich harmlose
Substanzen. Bei Personen mit einer hochgradigen Sensibilisierung
gegen bestimmte Allergieauslöser (Allergene) besteht die Gefahr
eines allergischen Schocks, einer so genannten Anaphylaxie.
Gefährdet sind beispielsweise Menschen mit einer Allergie
auf das Gift von Wespen oder Bienen oder einer Allergie auf
Erdnüsse.
Sie können nach einem Allergenkontakt
in Sekundenschnelle lebensbedrohliche Symptome wie Atemnot
und Kreislaufversagen entwickeln. Ein anaphylaktischer Schock
kann tödlich verlaufen. Alarmsignale sind Juckreiz an Händen
und Füßen, Hautausschlag, Heiserkeit, pfeifendes und mühsames
Atmen, Schwindel, Bewusstseinstrübung, Übelkeit oder Blutdruckabfall.
Wenn solche Symptome auftreten, sollten Allergiekranke einen
Notarzt rufen.
Während Menschen mit einer Insektengift-Allergie
durch eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung)
praktisch geheilt werden können, besteht bei NahrungsmittelAllergikern
oft ein lebenslanges Risiko für schwere allergische Symptome,
beispielsweise nach dem versehentlichen Essen eines Gerichts
mit dem Allergieauslöser. „Allergiekranke, bei denen
es bereits einmal zu einer anaphylaktischen Reaktion gekommen
ist, müssen die auslösenden Allergene sehr sorgfältig meiden.
Sie sollten immer Notfallmedikamente bei sich tragen –
und diese im Notfall auch anwenden!“ Das rät der Allergologe
Professor Fuchs aus Göttingen.
Als Notfallmedikamente verordnen
Allergologen ein Antihistaminikum, Kortison und Adrenalin.
Allergiekranke Kinder in Kindergärten und Schulen gefährdet
„Ein Allergologe muss den Patienten ausführlich die
richtige Anwendung der Notfallmedikamente zeigen und außerdem
genau erklären, wie die Allergieauslöser gemieden werden können.
Bei Kindern werden die Eltern entsprechend informiert“,
sagt ÄDA-Präsident und Kinderarzt Dr. Wolfgang Rebien aus
Hamburg. Wichtig sei es außerdem, die Zutaten auf Lebensmittelpackungen
immer wieder zu kontrollieren, da die Hersteller ihre Rezepturen
manchmal ändern. Gefährlich sind Kontaminationen in allergenfreien
Lebensmitteln. Schon geringste Spuren von Nüssen – beispielsweise
in eigentlich nussfreier Vollmilchschokolade durch Verunreinigungen
in den Produktionsmaschinen – können bei Nussallergikern
einen lebensbedrohlichen Schock auslösen. „Problematisch
sind vor allem die Ernährung allergiekranker Kinder und die
Versorgung allergischer Notfälle im Kindergarten oder in der
Schule. Hier besteht dringender Bedarf an allergologischer
Schulung. Es kann nicht sein, dass allergiekranke Kinder nicht
in den Kindergarten gehen dürfen, weil sich das Personal mit
ihrer Betreuung überfordert fühlt“, sagt Rebien.
Andrea Wallrafen, Geschäftsführerin
des Deutschen Allergie und Asthmabundes (DAAB), sieht ebenfalls
Handlungsbedarf an Kindergärten und Schulen: „Wer allergiekranke
Kinder betreut, sollte trainieren, wie im Notfall richtig
reagiert wird. Das kann lebensrettend sein. Zum Schutz allergiekranker
Kinder wären medizinische Beauftragte an Kindergärten und
Schulen sinnvoll. In Kanada wird das jetzt durch Sabrina´s
Law geregelt.“
Sabrinas Gesetz schützt Kanadas Kinder vor Anaphylaxie
„Sabrinas Gesetz“ (Sabrina´s Law) trat im Mai
2005 in Kanada in Kraft: Lehrer müssen die Symptome anaphylaktischer
Reaktionen kennen, ebenso wie die Schüler und Eltern über
die Gefahr von schweren allergischen Reaktionen durch geringe
Spuren von Allergieauslösern informiert sein und Notfallmedikamente
richtig anwenden können.
Dazu sind regelmäßige Schulungen
notwendig. Sabrinas Gesetz geht zurück auf eine Initiative
von Sara Shannon. Ihre 13jährige Tochter Sabrina starb im
Jahr 2003 an einem anaphylaktischen Schock, nachdem sie in
der SchulKantine gegessen hatte. Nach der Mahlzeit bekam Sabrina
im Klassenzimmer Atemnot. Noch bevor der Rettungswagen eintraf,
kollabierte der Teenager und erlitt einen Herzstillstand.
Trotz zunächst erfolgreicher Wiederbelebungsversuche im Krankenhaus
konnte Sabrinas Leben nicht gerettet werden.
Möglicherweise rettet diese Tragödie
aber das Leben anderer Kinder. Das ist die Hoffnung von Sabrinas
Mutter. „Ich bin stolz auf Sabrinas Gesetz. Es wird
in vielen Ländern Aufmerksamkeit erregen“, sagte Sara
Shannon, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde.
Spezifische Immuntherapie kann Allergiker heilen
„Das Thema Anaphylaxie wird zukünftig ein wichtiger
Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit des DAAB sein“, sagt
Andrea Wallrafen. „Wir brauchen Sabrinas Gesetz auch
in Deutschland. Und wir werden dafür kämpfen, dass viel mehr
InsektengiftAllergiker hyposensibilisiert werden!“ Eine
Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) ist die einzige
ursächliche Behandlung bei Allergien. Damit kann die Überempfindlichkeit
des Immunsystems von Menschen mit einer Allergie auf Pollen,
Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilze und Insekten wirkungsvoll
bekämpft werden.
Für Kathrin* besteht jetzt keine Gefahr mehr. Sie erhält seit
dem Sommer eine spezifische Immuntherapie mit einem molekular
standardisierten WespengiftPräparat. Innerhalb weniger Tage
wurde ihr Immunsystem damit zunächst an immer höhere Dosierungen
des Gifts gewöhnt. Nun erhält sie für die nächsten drei Jahre
alle sechs Wochen eine Erhaltungsdosis. „Mit dieser
Methode erzielen wir Erfolgsquoten von praktisch 100 Prozent.
Kathrin kann also geheilt werden.
Schon jetzt ist ihr Immunsystem so tolerant, dass ein erneuter
Wespenstich für sie nicht mehr wirklich gefährlich ist“,
erläutert Professor Thomas Fuchs.
*Name geändert
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