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Ausgabe
Januar 2006
Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA)
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAKI)
5. Januar 2006

Darmwürmer
regulieren das menschliche Immunsystem
Schützen
Würmer vor Allergien?
Darmparasiten als Heilmittel gegen Allergien? Das klingt ungewöhnlich,
könnte aber in naher Zukunft ein konkreter Therapieansatz
sein. „Würmer stimulieren anscheinend das menschliche
Immunsystem so, dass es weniger zu Allergien neigt. Die Erforschung
der zellulären Kommunikation zwischen Würmern und unserem
Immunsystem könnte die Basis für die Entwicklung einer antiallergischen
Schutzimpfung sein. Angesichts der vielen allergiekranken
Kinder hierzulande sind präventive Maßnahmen extrem wichtig“,
sagt Professor Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAKI).
Der medizinische Hintergrund der antiallergischen Wurmwirkung
wird derzeit intensiv erforscht. Neuester Hinweis: Kinder,
die einmal eine Wurmerkrankung durchgemacht haben, erkranken
viel seltener an Neurodermitis. Das ergab jetzt eine Studie
der Arbeitsgruppe um den Epidemiologen und Allergologen Professor
Dr. Torsten Schäfer vom Institut für Sozialmedizin der Universität
Lübeck. Schäfer und seine Kollegen hatten eine Befragung der
Eltern von mehr als 4.000 Kindern in Sachsen-Anhalt ausgewertet.
Das Ergebnis: Bei Kindern, die schon einmal mit Würmern infiziert
waren, war die Häufigkeit von Neurodermitis halbiert und das
Risiko für eine allergische Sensibilisierung um 25 Prozent
reduziert.1
Ausgeklügelte Kommunikation zwischen Würmern und Menschen
Diese Ergebnisse unterstützen die so genannte Hygiene-Hypothese,
nach der eine fehlende Auseinandersetzung des Immunsystems
mit Parasiten und Mikroorganismen eine Ursache für die rasante
Zunahme allergischer Erkrankungen in den Industrienationen
sein kann. Unser Immunsystem benötigt anscheinend während
der Kindheit Trainingspartner, um den Unterschied zwischen
krankmachenden und harmlosen Eindringlingen, beispielsweise
Pollen, zu lernen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass
Kinder, die auf Bauernhöfen häufig in den Tierställen waren,
seltener an Allergien erkranken. Die mit den Tieren vorkommenden
Bakterien fungieren als Sparringpartner des kindlichen Immunsystems
und lassen es toleranter werden.
Darmwürmer regulieren das menschliche Immunsystem regelrecht,
indem sie Immunzellen dazu stimulieren, körpereigene antiallergische
Botenstoffe auszuschütten. Hier drängt sich eine Frage auf:
Warum machen sie das? Professor Schäfer erläutert: „Parasiten
müssen zum Überleben mit der Immunabwehr ihres Wirtes fertig
werden, dürfen den Wirt dabei aber nicht töten, denn dann
sterben sie selbst auch. Im Zusammenleben der Würmer mit dem
Immunsystem des Menschen hat sich daher im Laufe der Evolution
eine ausgeklügelte Zellkommunikation entwickelt.“
Heilen
Würmer auch Allergien?
Darmwürmer
werden bereits erfolgreich in der Medizin eingesetzt: Eine
Therapie mit dem Schweine-Peitschenwurm Trichuris suis
hilft bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die
Patienten trinken dazu wiederholt eine Suspension mit Eiern
des für Menschen nicht krankheitserregenden Schweinewurms.
Zwar entwickeln sich aus den Eiern Würmer, diese sind im
Menschen jedoch nicht lebensfähig und werden nach einiger
Zeit komplikationslos ausgeschieden. Der Kontakt mit den
Parasiten ist dennoch ausreichend als Stimulus für das Immunsystem.
Er führt bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
anscheinend zu einem dauerhaften Rückgang der chronischen
Entzündung in der Darmschleimhaut. Als Nebeneffekt ist es
bei Betroffenen, die zusätzlich zur chronischen Darmerkrankung
unter einer Allergie litten, auch zu einer Besserung der
allergischen Beschwerden gekommen.
Eine Wurmtherapie
gegen Allergien soll erstmals 2006 untersucht werden: Unter
der Leitung von Professor Dr. Ulrich Wahn und Professor
Dr. Eckard Hamelmann aus der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt
Pneumologie und Immunologie der Berliner Charité wird aktuell
eine multizentrische Studie bei Nahrungsmittel-Allergikern
im Rahmen eines Europäischen Forschungsnetzwerkes geplant.
Die erste Hürde zur Bewilligung ist bereits genommen.
1
Schäfer T et al.: Worm infestation and the negative association
with eczema (atopic / nonatopic) and allergic sensitization.
Allergy 60:1014-1020, 2005
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