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Ausgabe
Januar 2006
Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA)
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAKI)
5. Januar 2006
Neue
Pollen-Quälgeister: Traubenkraut und Esche
Als
hätten wir mit Birke, Hasel, Erle und Gräsern nicht schon
genug Probleme – neuerdings leiden immer mehr Menschen
in Mitteleuropa auch wegen einer Überempfindlichkeit gegen
die Pollen von Traubenkraut und Esche an allergischen Beschwerden.
Darauf macht der Biologe Dr. Siegfried Jäger vom Universitätsklinikum
Wien aufmerksam. Die größten Sorgen bereitet dem Pollenexperten
das aus Amerika eingeschleppte Traubenkraut (Ragweed). Jäger:
„Wirklich sicher vor Ragweed sind in Europa nur Regionen
über 400 bis 500 Metern Höhe, der Mittelmeerraum und der hohe
Norden.“ Nachdem Ragweed lange Zeit vor allem im Karpaten-Becken,
in einigen Regionen Norditaliens und im Rhône-Tal gedieh,
wandert es allmählich immer weiter Richtung Mitteleuropa.
Jäger: „Ein Grund hierfür scheint die Klimaerwärmung
zu sein.“ Insbesondere die verlängerte Wachstumsperiode
durch die gehäuften warmen Spätsommer kommt dem Traubenkraut
zugute. „Ragweed wird auch in Deutschland zum Problem
werden“, prophezeit Jäger. „Zunächst vor allem
in den östlichen Bundesländern.“ Professor Dr. Gerhard
Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), empfiehlt
deshalb, im Standard-Allergietest auch Traubenkraut zu berücksichtigen.
Bis
zu zwölf Prozent der Bevölkerung betroffen
Andere
europäische Staaten haben mit dem Gast aus Übersee bereits
leidvolle Erfahrungen gemacht. In Regionen Italiens oder Frankreichs,
in denen viel Ragweed gedeiht, leiden bis zu zwölf Prozent
der Bevölkerung an einer Ragweed-Allergie – also mehr
als jeder Zehnte. Erst kürzlich wurden aus der Schweiz steigende
Erkrankungszahlen gemeldet. Die Betroffenen treibt es zur
Blütezeit der Pflanze Ende August/Anfang September in Scharen
zu den Ärzten. Die Behandlung von Patienten mit einer Ragweed-Allergie
allein am zentralen Klinikum von Mailand kostete im Jahr 2002
knapp 1,4 Millionen Euro. Sogar Menschen, die in Gegenden
wohnen, in denen Traubenkraut gar nicht gedeiht, sind vor
den Pollen nicht sicher. Jäger: „Die Pollen wurden sogar
schon am Polarkreis in Finnland nachgewiesen. Sie stammten
wahrscheinlich aus der Ukraine.“ Die Ausbreitung von
Traubenkraut zu verhindern, ist schwierig. Konsequentes Roden
der Bestände oder regelmäßiges Mähen sind zwar effektiv, aber
sehr aufwändig, „Unkrautvernichter“ (Herbizide)
schädigen oft auch andere Pflanzen und belasten die Umwelt.
Jäger: „Mittel, die gezielt nur Traubenkraut abtöten
und gleichzeitig umweltverträglich sind, sind bisher nicht
auf dem Markt.“
Auf
jeden Fall zum Allergologen
Egal,
ob „neue“ oder „alte“ Allergieauslöser
– in fachkundige ärztliche Behandlung gehören alle Allergiker.
DGAKI-Präsident Schultze-Werninghaus: „Ein allergologisch
ausgebildeter Facharzt kann durch gezieltes Erheben der Krankengeschichte,
Hauttests, Blutuntersuchungen und eventuell weitere Testverfahren
feststellen, ob eine Allergie vorliegt und gegen welche Substanzen
sie sich richtet. Das ist die Voraussetzung, um eine ursächliche
Therapie einleiten zu können.“ Bei Pollenallergien hat
sich die so genannte spezifische Immuntherapie bewährt. Hier
werden den Patienten regelmäßig standardisierte Lösungen mit
den Allergieauslösern unter die Haut injiziert. Die Erfolgsquoten
der auch Hyposensibilisierung genannten spezifischen Immuntherapie
erreichen bei Pollenallergien über 90 Prozent. Auch beim Traubenkraut
stehen standardisierte Extrakte für die Hyposensibilisierung
zur Verfügung.
Eschenpollenallergie durch Urlaub am Mittelmeer?
Ein
weiterer „Newcomer“ unter den Allergieverursachern
scheinen Eschen zu werden. Hohe Konzentrationen von Eschenpollen,
die zu allergischen Beschwerden führen können, traten früher
fast ausschließlich in der Schweiz auf. Erst in den letzten
Jahren werden sie auch in den Nachbarländern beobachtet. Ein
möglicher Grund ist wiederum der Klimawandel: Wenn es wärmer
wird, gedeihen die Bäume besser und produzieren mehr Pollen.
Jäger vermutet aber noch eine andere Ursache: „Früher
fütterten viele Landwirte ihr Vieh im Winter mit Zweigen von
Eschen. Heute wird das so nicht mehr praktiziert. Möglicherweise
fliegen mehr Pollen, weil die Bäume nicht mehr regelmäßig
beschnitten werden.“ Auch unsere Reiselust trägt Mitschuld
an der Zunahme der Eschenpollenallergien. Wer zur Oliven-Blüte
im Mai/Juni am Mittelmeer Urlaub macht, entwickelt eventuell
eine Überempfindlichkeit gegen Olivenpollen. Weil Oliven-
und Eschenpollen sich stark ähneln, können die Betroffenen
dann im nächsten Jahr auf die Eschenpollen daheim allergisch
reagieren. Eine Eschenpollenallergie kann leicht mit einer
Birkenpollenallergie verwechselt werden – beide
Baumarten blühen zur gleichen Zeit. Daher sollten Eschenpollen
im Standard-Allergietest berücksichtigt werden, fordert DGAKI-Präsident
Schultze-Werninghaus.
Schimmel
im Bad begünstigt Allergie im Sommer
Auch
Allergien gegen den Schimmelpilz „Alternaria“
werden häufig verwechselt – mit einer Gräserpollenallergie.
Denn Pilzsporen und Gräserpollen fliegen im Sommer nahezu
zeitgleich: Schimmelpilze lassen ihre Sporen unmittelbar
nach der Gräserpollenzeit fliegen. Und weil die Pilze gerne
auf abgestorbenen Gräsern und ähnlichem Material wachsen,
sind auch die Orte identisch, an denen die Nase läuft. Alternaria-Allergien
sind ebenfalls auf dem Vormarsch. „Inzwischen leiden
etwa zehn Prozent der Allergiker an einer Schimmelpilz-Allergie“,
erläutert Jäger. Ursache der Zunahme ist möglicherweise
ein Problem in den Wohnungen. Alternaria wächst nämlich
auch in feuchten Innenräumen. Die Zahl pilzverseuchter Wohnungen
nimmt ständig zu, unter anderem wegen hermetisch schließender
Fenster und falscher Lüftung der Räume. Jäger: „Durch
den ständigen Kontakt mit Pilzsporen in der Wohnung kann
sich eine Überempfindlichkeit entwickeln. Sie macht sich
dann auch draußen bemerkbar, wenn im Sommer die Alternariapollen
fliegen.“ Zum Glück lässt sich eine Alternaria-Allergie
ebenfalls mit einer spezifischen Immuntherapie behandeln.
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