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Ausgabe
Mai 2006
Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA) und die Deutsche Gesellschaft für
Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI)
Allergie und
Schwangerschaft: Was gibt es zu beachten? (2)
Auch Allergikerinnen werden schwanger – wenn man einer
dänischen Untersuchung Glauben schenkt, sogar schneller als
andere Frauen.1
Möglicherweise führen die Allergie-typischen
Veränderungen im Immunsystem dazu, dass eine befruchtete
Eizelle sich leichter in der Gebärmutter einnisten kann. Ist
die Schwangerschaft eingetreten, kommen die Fragen. Kann ich
meine Medikamente noch nehmen? Was mache ich, wenn ich einen
Asthmaanfall bekomme? Muss ich die Hyposensibilisierung
jetzt abbrechen? Grundsätzlich gilt: Auch in der
Schwangerschaft sollte man Allergien behandeln. Allerdings
müssen einige Besonderheiten beachtet werden. Die beste
Beratung diesbezüglich finden schwangere Allergikerinnen bei
einem allergologisch geschulten Facharzt.
Keine Allergie-Hauttests in der Schwangerschaft
Schwangere, die bereits früher unter Heuschnupfen litten,
kennen die typischen Symptome: plötzliche Niesattacken,
Triefnase, juckende Augen. „Treten die Beschwerden zur
selben Zeit auf wie sonst auch, zum Beispiel während des
Pollenflugs, ist meistens klar, dass sie durch die Allergie
verursacht sind“, erklärt Professor Dr. Schultze-Werninghaus,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und
Klinische Immunologie (DGA-KI). „Wenn die Krankheitszeichen
jedoch zum ersten Mal bestehen, muss der Arzt durch genaues
Erfragen der Symptome sowie des Ortes und Zeitpunktes ihres
Auftretens die Diagnose sichern. Oft sind zusätzlich
Blutuntersuchungen nötig. Die sonst üblichen Hauttests
verbieten sich während der Schwangerschaft wegen der – wenn
auch minimalen – Gefahr eines allergischen Schocks.“2
Nasensprays mit Kortison oder Cromoglycinsäure
Zur Behandlung von Heuschnupfen während der Schwangerschaft
eignen sich Nasensprays, die et-was Kortison enthalten. Es
gibt bisher keinerlei Hinweise darauf, dass sie das Kind
schädigen. Dasselbe gilt für Nasensprays mit dem Wirkstoff
Cromoglicinsäure, die allerdings weniger effektiv sind.2
Auch so genannte Antihistaminika werden Schwangeren relativ
häufig verordnet. Die Hersteller dieser Präparate raten von
einer Anwendung meist ab, da es zu wenige Untersuchungen
dazu gibt. „Die Risiken durch Antihistaminika sind
allerdings unklar“, so der Allergologe Schultze-Werninghaus.
„Einige ältere Wirkstoffe schädigten im Tierversuch das
ungeborene Leben, und insbesondere bei neueren Präparaten
bestehen wenig Erfahrungen mit der Anwendung in der
Schwangerschaft. Im Einzelfall sollte der Arzt die
Medikamente wählen, deren Unbedenklichkeit am
zuverlässigsten dokumentiert ist. Besonders kritisch ist zu
prüfen, ob überhaupt Medikamente erforderlich sind.“
Abgesehen von Arzneien gilt für schwangere Allergikerinnen
wie für alle anderen Allergiker auch die Empfehlung, die
Allergieauslöser zu meiden. Dazu sollten zum Beispiel
während der Pollensaison die Fenster geschlossen bleiben und
die Haare vor dem Schlafengehen gewaschen werden. Allerdings
ist es praktisch unmöglich, Allergieauslösern wie Pollen
oder den Ausscheidungen der Hausstaubmilbe völlig aus dem
Weg zu gehen. Schultze-Werninghaus: „Deshalb sind auch bei
Schwangeren Medikamente häufig nicht zu umgehen.“
Hyposensibilisierung kann in bestimmten Fällen weitergehen
Die einzige ursächlich wirkende Therapie gegen allergische
Erkrankungen ist zurzeit die spezifische Immuntherapie (SIT),
auch Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung genannt.
Für eine SIT wird dem Patienten die Substanz, auf die er
allergisch reagiert (das Allergen), regelmäßig in
ansteigenden Dosen bis zu einer Maximaldosis unter die Haut
gespritzt. Dadurch gewöhnt sich das Immunsystem an das
Allergen und reagiert nicht mehr mit einer krankhaften
Abwehrreaktion. Gemäß den Leitlinien der Fachgesellschaften
kann eine bereits laufende SIT, die die Patientin in der
Maximaldosis bisher gut vertragen hat, nach Eintritt einer
Schwangerschaft weitergeführt werden. In jedem Fall sollte
dann aber eine besonders sorgfältige Überprüfung des
Nutzen/Risiko-Verhältnisses erfolgen. Insbesondere bei
Vorliegen einer vitalen Indikation, vor allem bei einer
schweren Allergie gegen Insektengifte, ist eine Fortführung
der SIT anzuraten, um einer anaphylaktischen Reaktion nach
einem Insektenstich vorzubeugen. Dagegen sollte bei
Schwangeren nicht neu mit einer SIT begonnen werden.3
Hintergrund: In sehr seltenen Fällen kann es zu einer
allergischen Schockreaktion kommen. Diese lässt sich in der
Schwangerschaft wesentlich schlechter behandeln – Mutter
und Kind sind dann gefährdet.
Hormone machen die Nase dicht
Veränderungen im Hormonhaushalt während der Schwangerschaft
können allergischen Schnupfen verstärken. Sie führen dazu,
dass sich die Blutgefäße der Nasenschleimhaut erweitern und
die Schleimhaut anschwillt. Jede fünfte Frau leidet deshalb
während der Schwangerschaft an einer verstopften Nase,
besonders zu Beginn des zweiten Schwangerschaftsdrittels.
Allergikerinnen schei-nen etwas häufiger betroffen zu sein.
Für Linderung sorgt Kochsalzlösung als Nasenspray oder die
pflegende Substanz Dexpanthenol. Außerdem helfen viel
frische Luft, Sport und Schlafen mit leicht erhöhtem
Oberkörper. In schweren Fällen können kurzzeitig
abschwellende Nasentropfen gegeben werden – am besten immer
abwechselnd nur auf einer Seite und in möglichst niedriger
Konzentration. Kortisonhaltige Nasensprays sind eine
weitere Therapieoption.
Asthma: Risiko durch Krankheit größer als durch
Medikamente
Bei Patientinnen, die nicht „nur“ an Heuschnupfen leiden,
sondern an allergischem Asthma, ist entscheidend, die
Krankheit auch während der Schwangerschaft unter Kontrolle
zu halten. Schultze-Werninghaus: „Schlecht eingestelltes
Asthma und Asthmaanfälle begünstigen
Schwangerschaftskomplikationen und Frühgeburten. Außerdem
wird das Wachstum des Kindes beeinträchtigt. Schwangere
Asthmatikerinnen sollten deshalb grundsätzlich ihre
Medikamente weiter wie gewohnt anwenden. Die Risiken durch
unkontrolliertes Asthma sind größer als die Risiken der
Arzneien.“ Zur Basistherapie bei Asthma gehören
kortisonhaltige Sprays, die die chronische Entzündung der
Atemwege eindämmen. Auch die so genannten
beta2-Sympathomimetika werden meist als Spray verabreicht.
Sie erweitern die Bronchien. Mit beiden Medikamentengruppen
liegen langjährige Erfahrungen bei Schwangeren vor,
Schädigungen bei den Kindern wurden noch nicht beobachtet.
Auch die Substanz Theophyllin – ebenfalls ein häufiges
Asthmamittel – scheint Mutter und Kind nicht zu gefährden.
Hier muss der Arzt allerdings regelmäßig den Blutspiegel des
Medikamentes bestimmen.4 Wenig Erfahrungen bei Schwangeren
gibt es mit der neueren Arzneimittelgruppe der
Leukotrien-Antagonisten. Ihr Einsatz sollte deshalb
zurückhaltend erfolgen.4 Ist das Asthma anders nicht in den
Griff zu bekommen, kommt man manchmal auch in der
Schwangerschaft um Kortison in Tablettenform nicht herum. In
diesen schweren Fällen überwiegt der Nutzen der Arznei
mögliche Gefahren.
Wie sich die Schwangerschaft auf das Asthma aus-wirkt,
variiert. Oft bleiben die Beschwerden gleich, manchmal
bessern sie sich, manchmal werden sie aber auch
schlechter.4 Schultze-Werninghaus: „Bei Schwangeren, die an
Asthma leiden, sollte die Lungenfunktion besonders
sorgfältig überwacht werden, um eine Verschlechterung früh
zu erkennen und Mutter und Kind zu schützen.“ Wichtig zu
wissen: Ein Asthmaanfall in der Schwangerschaft ist immer
ein Notfall. Er gefährdet akut die Sauerstoffversorgung des
Kindes und muss im Krankenhaus behandelt werden. Während
eines Asthmaanfalls kann es zu Kontraktionen der Gebärmutter
kommen. Sie hören meistens wieder auf, wenn der Asthmaanfall
erfolgreich behandelt wurde.
Wenn das Kind da ist
Allergikerinnen sollten stillen, denn Muttermilch ist die
beste Nahrung für das Kind. Für Babies von Allergikerinnen
ist Stillen sogar besonders wichtig: Die Kinder haben
ihrerseits ein erhöhtes Allergierisiko. Ausschließliches
Stillen in den ersten vier bis sechs Monaten beugt diesem
Risiko vor. Auf notwendige Medikamente müssen
Allergikerinnen und insbesondere Asthmatikerinnen während
der Stillzeit nicht verzichten. Um ganz sicher zu gehen,
empfiehlt sich eine kurze Rücksprache mit dem allergologisch
ausgebildeten Facharzt.
Zur Vorbeugung allergischer Erkrankungen bei Kindern
allergiekranker Mütter raten der Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA) und die Deutsche Gesellschaft für
Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI):5
• Ausschließliches Stillen in den ersten vier, wenn möglich
ersten sechs Monaten.
• Wenn Stillen nicht möglich ist: Ernährung des Kindes mit
hypoallergener Säuglingsnahrung.
• Auf stark allergieauslösend wirkende Nahrungsmittel (z.B.
Nüsse, Eier, Fisch) sollte die Mutter während des Stillens
nur verzichten, wenn trotzdem eine vollwertige Ernährung gesichert ist.
• Keine Beikost bis zum vierten Lebensmonat.
• Vermeidung von Aktiv- und Passiv-Rauchen.
• Keine Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen oder andere
Tiere mit Fell im Haushalt.
• Die Belastung durch Hausstaubmilben reduzieren.
• Schimmelpilzwachstum in der Wohnung verhindern.
• Kinder nach den Empfehlungen der STIKO (Ständige
Impfkommission beim Robert-Koch-Institut) impfen.
1 Westergaard T et al.: Clin Exp Allergy 2003; 33: 277-278
2 Leitlinie „Allergische Rhinokonjunktivitis“ der DGA-KI.
Allergo Journal 2003; 12: 182-194
3 Kleine Tebbe J et al.: Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung)
bei IgE-vermittelten allergi-schen Erkrankungen. Leitlinie
der DGAKI, des ÄDA und der GPA. Allergo Journal 2006; 15:
56-74
4 Asthma Leitlinie „Schwangere und Kinder“ der Univer-sität
Witten/Herdecke, 2004. www.evidence.de
5 Schäfer T, Borowski C: Allergieprävention,
Evidenzba-sierte und konsentierte Leitlinie, München 2005,
Ur-ban & Vogel GmbH
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