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Ausgabe
Mai 2006

Deutsche Gesellschaft für
Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und der Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA)
Allergie durch Antibiotika und Impfungen?
Viel Lärm um wenig (4)
Weniger Allergien bei Kindern aus
Waldorf-Schulen
Die Diskussion läuft schon ewig:
Antibiotika, fiebersenkende Medikamente und Impfungen werden
verdächtigt, bei Kindern Allergien zu begünstigen.
Insbesondere viele Antroposophen, also Menschen, die nach
der Lehre Rudolf Steiners (1861-1925) leben, stehen den
Medikamenten und Impfungen deshalb skeptisch gegenüber und
verzichten darauf.
Das Journal of Allergy and Clinical
Immunology hat jetzt eine neue Studie zu diesem Thema
veröffentlicht1 – Klarheit bringt sie allerdings
nicht.
Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und
Klinische Immunologie (DGAKI) und der Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA) sehen auch weiterhin
keine Hinweise
dafür, dass Impfungen Allergien fördern. Kinder sollten
weiterhin geimpft werden. Auch zur Risiko-Neubewertung von Antibiotikatherapien bei Kindern besteht nach Ansicht der
beiden Fachgesellschaften kein Anlass.
In der so genannten PARSIFAL-Studie
verglichen Wissenschaftler um Helen Flöistrup vom Karolinska
Institut in Stockholm 4.606 Schüler von anthroposophischen
Schulen (Waldorf-Schulen, Steiner-Schulen) mit 2.024
Kindern, die normale Schulen besuchten. Die Jungen und
Mädchen stammten aus fünf europäischen Ländern und waren
durchschnittlich neun Jahre alt. Ihre Eltern wurden gebeten,
Angaben zu Allergie-Symptomen und zu ärztlich
diagnostizierten Allergien zu machen. Außerdem wurden bei 28
Prozent der Kinder Blutuntersuchungen durchgeführt.
Etwas weniger Allergiker in
Steiner-Schulen
Kinder auf Steiner-Schulen litten
etwas
seltener an allergischen Erkrankungen. Während Ärzte bei
sechs Prozent der Kinder auf normalen Schulen Heuschnupfen
diagnostiziert hatten, waren es bei Kindern von
Steiner-Schulen nur 4,7 Prozent. Für Asthma betrugen die
Werte 10,7 (normale Schule) beziehungsweise
9,1 Prozent
(Steiner-Schule), für das atopische Ekzem (Neurodermitis)
12,2 beziehungsweise
11,3 Prozent.
Diese Differenzen waren
zwar klein, aber statistisch relevant. Interessanterweise
galten sie nicht für alle untersuchten Länder. Schüler auf
österreichischen Steiner-Schulen litten genauso häufig an
allergischen Erkrankungen wie Jungen und Mädchen an anderen
Schulen der Alpenrepublik.
Elternbefragung und Bluttests
widersprechen sich
Zusätzlich wurde untersucht, ob Kinder,
die noch nie mit Antibiotika oder fiebersenkenden
Medikamenten behandelt beziehungsweise nicht gegen Masern,
Mumps und Röteln (MMR) geimpft worden waren, seltener an
Allergien erkrankten.
Ergebnis: Der Verzicht auf Antibiotika
im ersten Lebensjahr schien mit einem etwa
halbierten
Allergie-Risiko einherzugehen, der Verzicht auf
fiebersenkende Mittel mit einer Risikoreduktion um 23
Prozent – jedenfalls gemessen an den Angaben der Eltern zu
ärztlich diagnostizierten allergischen Erkrankungen ihrer
Kinder.
Bei der MMR-Impfung fielen die Ergebnisse
widersprüchlich aus: Geimpfte Kinder erkrankten demnach zwar
häufiger an Heuschnupfen. Allerdings schienen sie etwas
seltener an Asthma und Neurodermitis zu leiden. Kinder, die
eine Masern-Erkrankung hinter sich hatten, entwickelten
tendenziell weniger oft Heuschnupfen, zeigten aber vermehrt
Asthma-Symptome und Neurodermitis. Insgesamt war der
Einfluss einer MMR-Impfung beziehungsweise Masern-Erkrankung
auf das Allergierisiko gering.
Die Ergebnisse der
Elternbefragungen müssen außerdem zurückhaltend
interpretiert werden – sie ließen sich nicht mit den
Ergebnissen der Blutuntersuchungen vereinbaren.
Das
Auftreten allergietypischer Antikörper im Blut war
unabhängig von der Einnahme von Antibiotika, fiebersenkenden
Medikamenten und MMR-Impfung. Zumindest Heuschnupfen ist
aber ohne diese Antikörper nicht denkbar. Wahrscheinlich
waren die Allergien in einigen Fällen also fälschlicherweise
diagnostiziert worden.
Impfempfehlungen gelten weiter
Wie sind diese Ergebnisse zu bewerten?
„Die Studie wird sicher nicht dazu führen, dass man
Antibiotika, fiebersenkende Medikamente und MMR-Impfung
jetzt als Risikofaktoren für Allergien einordnet. Unter
anderem stellen die widersprüchlichen Resultate von
Elternbefragungen und Bluttests die Aussagekraft der Studie
in Frage“, antwortet Professor Dr. Thorsten Schäfer vom
Institut für Sozialmedizin am Universitätsklinikum Lübeck.
Schäfer ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für
Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). In einer
Initiative des Gesundheitsministeriums arbeitete Schäfer im
Jahr 2005 mit an der wissenschaftlichen Leitlinie
„Allergieprävention“.
Für diese Leitlinie wurden zahlreiche
internationale Studien analysiert und zu Empfehlungen zusammengefasst, auf welchem Weg man Allergien wirkungsvoll
vorbeugen kann.2
„Zum Thema MMR-Impfung und
Allergie gibt es eine ganze Reihe von Untersuchungen. Sie
zeigen wie die neue schwedische Studie widersprüchliche
Resultate. In einigen Studien scheint die MMR-Impfung das
Risiko für allergische Erkrankungen nicht zu beeinflussen
oder sogar zu senken, in anderen Studien scheint sie das
Risiko leicht zu erhöhen. Das Gleiche gilt für eine
Masernerkrankung. Sie wird mal als Schutzfaktor beschrieben,
mal als Risikofaktor.“
Schäfer sieht deshalb aus
allergologischer Sicht keinen Anlass, von der MMR-Impfung
abzuraten: „Auch Allergie-gefährdete Kinder sollten nach den
Empfehlungen der STIKO [Ständige Impfkommission am
Robert-Koch-Institut, Anm. d. Red.] geimpft werden. Die
Gefahren zum Beispiel durch eine Masern-Erkrankung sind sehr
real.“ Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) starben im Jahr 2004 weltweit etwa 500.000 Menschen an
Masern, die meisten von ihnen Kinder.
Ursächlicher Zusammenhang unklar
Auch in Bezug auf Antibiotika und
fiebersenkende Medikamente steht Schäfer den
Studienergebnissen skeptisch gegenüber: „Kinder mit
Atemwegsallergien neigen auch häufiger zu Infekten der
Atemwege. Diese Infekte werden wiederum häufig mit
fiebersenkenden Medikamenten oder Antibiotika behandelt, so
dass es genauso gut möglich ist, dass die Medikamentengabe
Folge der allergischen Erkrankung ist und nicht deren
Ursache. Einen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang
könnten nur Studien liefern, die die zeitliche Abfolge der
Medikamentengabe und das Erstauftreten der allergischen
Beschwerden sehr genau darstellen können. Da derartige
Studien bislang nicht vorliegen, bleibt auch der
Zusammenhang zwischen Antibiotika-Gabe und Allergierisiko
unklar.“ Sollte sich der Verdacht trotzdem bestätigen, wären
die Konsequenzen gering. Schon heute werden Ärzte
angehalten, mit Antibiotika möglichst sparsam umzugehen
– unter anderem um zu verhindern, dass immer mehr Bakterien
gegen die Mittel resistent werden. „Studien zeigen, dass bei
einer einfachen Mittelohrentzündung nicht unbedingt
Antibiotika verabreicht werden müssen“, so Schäfer. „Schwere
bakterielle Erkrankungen aber, wie beispielsweise eine
Lungen- oder Hirnhautentzündungen, müssen natürlich
entsprechend antibiotisch behandelt werden.“
Lebensstilfaktoren analysieren
Trotzdem hält Schäfer die neue
schwedische Studie und die Untersuchung von Kindern, die in
anthroposophisch orientierten Familien aufwachsen für sehr
interessant. „Diese Familien leben in vielen Punkten anders
als andere Menschen. Man kann hier gut den Einfluss von
Umweltfaktoren auf das Allergierisiko untersuchen.“ Bei der
Interpretation entsprechender Studien sollte der besondere
Lebensstil allerdings berücksichtigt werden. In der
schwedischen Untersuchung war das nur teilweise der Fall.
Weitgehend anerkannte Risikofaktoren wie eine kurze
Stillperiode, Übergewicht und die Exposition gegenüber
Luftschadstoffen wie Dieselruß blieben in der Auswertung
außen vor – obwohl sich anthroposophisch aufgezogene Kinder
möglicherweise auch in diesen Punkten von anderen Mädchen
und Jungen unterscheiden.
Die Frage, warum Kinder auf
Waldorf-Schulen seltener an Allergien leiden, bleibt also
unbeantwortet. Allerdings zeigt ein erneuter Blick auf die
Daten der schwedischen Forscher, dass auch ein
anthroposophischer Lebensstil nur geringen Schutz bietet:
Sechs Prozent der Kinder auf normalen Schulen litten an
Heuschnupfen – auf Waldorf-Schulen waren es immerhin 4,7
Prozent; 12,2 Prozent der Kinder auf normalen Schulen litten
an Neurodermitis – gegenüber 11,3 Prozent in
Waldorf-Schulen. Die entscheidenden Risiken müssen wohl
jenseits der Frage „anthroposophisch oder nicht?“ gesucht
werden. Interessanter Nebenaspekt der schwedischen Studie:
Eine anthroposophisch ausgerichtete, „biodynamische“
Ernährung beeinflusste das Allergierisiko nicht.
1 Flöistrup H et
al.: Journal of Allergy and Clinical Immunology 2006; 117:
59-66
2 Schäfer T,
Borowski C: Allergieprävention, Evidenzbasierte und
konsentierte Leitlinie, München 2005, Urban & Vogel GmbH
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