Nahrungsmittelallergie
unter die Lupe genommen (5)
Der Deutschen Gesellschaft für
Allergologie und klinischen Immunologie (DGAKI) zur
Folge ist ein Drittel der deutschen Bevölkerung an einer
Allergie erkrankt. An einer Nahrungsmittelallergie
leiden etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier
Prozent der Kinder1. Eine allergische
Reaktion auf einen Nahrungsmittelbestandteil ist mit
150-200 Toten im Jahr der häufigste Grund einer
lebensbedrohlich verlaufenden Allergie.2,3
Eine Nahrungsmittelallergie ist
eine abnormale Reaktion des Immunsystems gegenüber einem
sonst harmlosen Lebensmittelbestandteil. Dabei handelt
es sich um Proteine (Eiweiße) mit Obeflächenstrukturen,
so genannte Epitope, an die bei Allergikern
Immunoglobulin-E-Antikörper (IgE) binden. IgE-Antikörper
binden ihrerseits an bestimmte Zellen des Gewebes
(Mastzellen) und lösen damit die Freisetzung von
Botenstoffen wie beispielsweise Histamin aus. „Die
Folgen einer Histaminausschüttung bei einer
Nahrungsmittelallergie sind zumeist Schwellungen der
Schleimhäute, der Atemwege sowie Hautreaktionen. Die
allergische Reaktion kann aber auch zu einem
lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock führen“,
erklärt Professor Thomas Fuchs vom Ärzteverband
Deutscher Allergologen (ÄDA). „Anzeichen eines
Allergieschocks können Juckreiz an Händen und Füßen,
Hautausschläge, Übelkeit, Atemnot und vor allem
Blutdruckabfall sein. Dies kann zum Organausfall bis hin
zum Tod führen.“
Klassifizierung der häufigsten
Nahrungsmittelallergien
Die häufigsten Auslöser einer
Nahrungsmittelallergie sind Allergene aus Erdnüssen,
Hühnerei, Kuhmilch und Fisch. Hier handelt es sich um
„klassische Nahrungsmittelallergene“ (Typ 1-Allergene):
Proteine, die hitze- und säurestabil sind.4
Die Allergene gelangen auch im gekochten Zustand kaum
verändert in den Magen-Darm-Trakt. Sie können so bei
allergiekranken Menschen schwere allergische Reaktionen
auslösen.5
Stark zugenommen hat die
Sensitivität gegenüber „pollenassoziierten
Nahrungsmittelallergenen“ (Typ 2-Allergene).
Typ 2-Allergene sind in Nüssen, Obst und Gewürzen, aber
auch in Gemüse wie beispielsweise Sellerie enthalten. Es
handelt sich dabei um Proteine mit einer sehr ähnlichen
Oberflächenstruktur wie Pollenallergene.4
„Ein Heuschnupfen-Patient, der gegen
Birkenpollenallergene sensibilisiert ist, reagiert
häufig allergisch auf den Genuss von Kernobst und
Gewürzen“, so Fuchs. „Dieses Phänomen wird als
Kreuzallergie bezeichnet.“ Die meisten Allergene des
Typ 2 sind wesentlich hitzeempfindlicher als die des
Typ 1. Sie verursachen bei rohem Genuss hauptsächlich
Juckreiz oder Schwellungen im Mund und Rachenraum.
Seltener können auch Nesselsucht am ganzen Körper oder
ein allergischer Schnupfen auftreten. Gekocht oder
gebacken sind die Lebensmittel für die meisten
Allergiker aber gut verträglich.5
Dieselbe oder die gleiche
Apfelallergie?
Allergie ist nicht immer gleich
Allergie! Beim Apfel sind mittlerweile vier Proteine
bekannt, an die IgE-Antikörper binden (Mal d 1-4). Das
Apfelallergen Mal d 1 ist strukturell dem
Birkenpollen-Hauptallergen sehr ähnlich. Diese
Kreuzreaktivität führt zu relativ milden Symptomen im
Mundbereich. Das Allergen Mal d 3 hingegen ähnelt dem
Pfirsich-Hauptallergen, hat eine hohe Strukturstabilität
und kann anaphylaktische, also sehr schwere allergische
Reaktionen auslösen.6 Unterschiedliche
Sensibilisierungswege führen demnach zu der gleichen,
aber nicht der selben Allergie. Die Erforschung
unterschiedlicher Allergene ermöglicht eine genauere
Diagnose und individuelle Allergie-Behandlung durch
einen allergologisch ausgebildeten Facharzt.
Nicht nur beim knackigen Apfel,
auch beim Milchgenuss gibt es unterschiedliche Auslöser
allergischer Reaktionen. „Irrtümlicherweise wird die
Laktose-Unverträglichkeit häufig mit einer echten
Milchallergie verwechselt“, erklärt der Göttinger
Allergologe Fuchs. Bei Laktose-intoleranten Menschen
fehlt das Enzym Laktase, das den Milchzucker spaltet.
Der Milchzucker gelangt daher unverdaut in den Darm und
stellt eine Nahrungsquelle für Bakterien dar. Die dabei
entstehenden „Abfallprodukte“ senken den pH-Wert und
reizen die Darmschleimhaut. Blähungen, Durchfall und
Übelkeit sind die Folge. Betroffene können dagegen
Tabletten mit Laktasen einnehmen. Ähnliche Symptome
lassen sich auch bei einer echten Milchallergie
beobachten. Hier sind aber Milcheiweiße wie das Casein
die Übeltäter. Spezifische IgE-Antikörper gegen diese
Eiweiße sind dann im Blutserum nachweisbar.
Milchallergiker müssen alle Produkte, die Milcheiweiß
enthalten, meiden.
Wie kann eine
Nahrungsmittelallergie behandelt werden?
Zunächst sollten Betroffene einen
allergologisch ausgebildeten Facharzt aufsuchen, damit
die Allergieursache festgestellt wird. Wird eine
Kreuzallergie diagnostiziert, kann eine spezifische
Immuntherapie (SIT) – auch Hyposensibilisierung oder
Allergie-Impfung genannt – gegen das jeweilige
kreuzreaktive Pollenallergen helfen. Bei einer SIT
werden die spezifischen Allergene regelmäßig in Form
einer Spritzen-, Tropfen- oder Tablettentherapie
verabreicht. Nach einiger Zeit gewöhnt sich das
Immunsystem an den Allergieauslöser und reagiert weniger
heftig darauf. Handelt es sich um eine „klassische“
Nahrungsmittelallergie (Typ 1), hilft allerdings nur
konsequente Vermeidung des Allergie auslösenden
Lebensmittels.7
Zur medikamentösen Behandlung
können Allergiker Antihistamin-Tabletten gegen
auftretenden Juckreiz und Hautausschläge einnehmen.
Anaphylaxie-gefährdeten Allergikern rät der erfahrene
Allergologe Fuchs eindringlich: „Vom Allergologen
verschriebene Notfallmedikamente sollten immer
griffbereit mitgetragen werden. Diese können den
Kreislauf stabilisieren und Leben retten.“
„Eine sichere Vorbeugemöglichkeit
gibt es nicht, aber das Stillen über sechs Monate ist
von Vorteil für Kinder. Ist ein Kind bereits
allergiekrank, sollte eine Diät nur nach Absprache mit
einer allergologisch ausgebildeten Diätassistentin
durchgeführt werden, um einer Mangelernährung
vorzubeugen.“ sagt der Allergologe und Kinder- und
Jugendarzt Dr. Ernst Rietschel von der Gesellschaft für
Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA).
Die
Möglichkeiten einer spezifischen Immuntherapie bei einer
Nahrungsmittelallergie sind bisher beschränkt. Zurzeit
wird aber eine neue Therapie bei einer schweren
Kuhmilch- oder Erdnussallergie am pädiatrischen
Allergiezentrum der Berliner Charité getestet unter der
Leitung von Dr. Kirsten Beyer, Mitglied der GPA. „In der
Studie wird Milch beziehungsweise pürierte Erdnuss in
sehr viel Wasser stark verdünnt. Die Kinder trinken
unter Beobachtung jeweils das verdünnte Nahrungsmittel,
gegen das sie allergisch sind. Innerhalb einer Woche
wird die Allergenkonzentration dann schrittweise
erhöht“, erklärt Beyer den Therapieverlauf. „Bisher
wurden keine schweren allergischen Reaktionen
beobachtet, jedoch ist eine intensive Überwachung der
Patienten während der Therapie notwendig.“ Einige ihrer
kleinen Patienten, die zuvor an einer Milchallergie
litten, können bereits zu Hause bis zu 100 ml Milch pro
Tag trinken. So sind die Kinder zumindest geschützt,
wenn doch einmal Milcheiweiße in einem Lebensmittel
enthalten sind.
Molekularbiologische
Fortschritte – für Allergiker Fluch und Segen zugleich
Ein Segen des molekularbiologischen
Fortschritts ist, dass dadurch die Möglichkeiten für die
Anwendung einer spezifischen Immuntherapie erweitert
werden können. Hoffnungen weckt eine Studie, in der
Erdnussallergene so verändert wurden, dass
IgE-Antikörper nicht mehr binden.10 „Eine
definierte Menge dieser Allergene wurde Mäusen mit einer
Erdnussallergie verabreicht. Anschließende Messungen
zeigten einen niedrigeren Spiegel an
Erdnuss-spezifischen IgE-Antikörper im Blut als zuvor.
Auch zeigten die Tiere klinisch weniger Reaktionen.
Dieses Ergebnis lässt für zukünftige therapeutische
Anwendungen bei Nahrungsmittelallergikern hoffen“, so
Dr. Beyer vom pädiatrischen Allergiezentrum der Charité.
Der Fluch des molekularbiologischen
Fortschritts besteht für Allergiker darin, dass
Nahrungsmittel gentechnisch manipuliert sein können.
Bereits 1996 wurden in einem Versuch Paranuss-Gene in
Sojapflanzen eingeschleust. Da diese Gene Informationen
für die Produktion von Nussproteinen tragen, reagierten
Nussallergiker auch allergisch auf das genveränderte
Soja.8 Auf der anderen Seite können durch die
Gentechnik Allergie-auslösende Proteine auch eliminiert
werden. Dadurch sinkt das Allergierisiko beim Verzehr
dieser Lebensmittel. Im Jahr 2006 wurde die
Allergenproduktion in einer Tomatensorte durch diese
moderne Methode der Molekularbiologie erfolgreich
unterbunden: Bei einem so genannten Haut-Prick-Test mit
der „Allergen-freien“ Tomate zeigten Tomatenallergiker
nur noch leichte Hautausschläge.9
1.
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2.
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4.
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5.
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