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Ausgabe
Mai 2008

Ärzteverband
Deutscher Allergologen e. V.
Deutsche Gesellschaft für
Allergologie und Klinische Immunologie e. V.
Gesellschaft für
Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e. V.
Pressedienst 8. Mai 2008
Schulung kann
Neurodermitikern erheblich helfen
Kinder mit Neurodermitis stellen
Eltern vor eine neue Lebensaufgabe
Das Kind kratzt sich
immer wieder, bis die Haut blutige Striemen aufweist. Aber der heftige
Juckreiz lässt sich nicht stoppen. An Durchschlafen ist nicht zu denken,
weder für das Kind, noch für die Eltern, die dem Leiden ihres Kindes
oftmals hilflos zusehen. So erleben viele Familien die Hautkrankheit
Neurodermitis (atopisches Ekzem). Neurodermitis gehört zu den häufigsten
chronischen Krankheiten im Kindesalter. Etwa zehn bis 15 Prozent der
Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind betroffen – und mit ihnen
ihre ganze Familie. Denn Neurodermitis kann das gesamte Familienleben
über Jahre belasten. Die Geschwisterkinder leiden mit, weil die
Krankheit einen Großteil der elterlichen Aufmerksamkeit beansprucht. In
ihrem Bemühen, das Leiden ihrer Kinder zu lindern, haben die Eltern
manchmal eine Odyssee an Arzt- und Heilpraktikerbesuchen hinter sich und
suchen für viel Geld auch unkonventionelle Hilfe. Die Frustration ist
groß, und die Eltern fühlen sich zu Recht oftmals allein gelassen.
„Mit der Diagnose
Neurodermitis bei ihrem Kind stehen Eltern unvorbereitet vor einer
zusätzlichen Lebensaufgabe“, sagt Dr. Rüdiger Szczepanski von der
Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin
(GPA). „Sie müssen gleichzeitig die Rolle als Erzieher und als Therapeut
ihres Kindes übernehmen. Die zeitlichen, körperlichen, ökonomischen und
vor allem psychosozialen Anforderungen an Mütter und Väter sind sehr
hoch.“ Szczepanski weiß wovon er spricht: Der Kinderallergologe kennt
die Probleme der betroffenen Eltern aus seiner langjährigen Tätigkeit
als leitender Oberarzt am Kinderhospital Osnabrück. „Nur mit
Medikamenten bekommt man Neurodermitis selten in den Griff.“ Szczepanski
möchte die Eltern von Kindern mit Neurodermitis oder anderen chronischen
Erkrankungen flächendeckend unterstützen. Um die Situation der
Betroffenen zu verbessern, entwickelte er gemeinsam mit Kinder- und
Hautärzten ein Schulungsprogramm. „Die Betriebskrankenkasse
Niedersachsen-Bremen hat bereits einen ersten Vertrag zur
Kostenübernahme mit uns geschlossen“, so Szczepanski. „Unser Ziel ist
es, dass sich möglichst bald weitere Krankenkassen anschließen. Eine
Rahmenempfehlung der gesetzlichen Krankenkassen zu den Schulungen liegt
bereits seit 2006 vor.“
Patientenschulung
verbessert langfristig die Lebensqualität
„An Neurodermitis
erkrankte Kinder fühlen sich oft ausgegrenzt. Der Ausschlag ist ihnen
peinlich, sie werden von Altersgenossen gemieden, und sie entwickeln ein
negatives Selbstbild. Die Folge können ein sozialer Rückzug und
Depressionen sein“, berichtet Szczepanski. Neurodermitis verursacht
somit nicht nur einen starken Juckreiz, Hautveränderungen und
Schlafstörungen. Die chronisch-entzündliche Hautkrankheit belastet auch
die Psyche der Patienten und beeinträchtigt enorm die Lebensqualität
nicht nur des betroffenen Kindes, sondern der gesamten Familie. Aus
Sicht der Kinder- und Hautärzte benötigen die Familien eine zusätzliche
Hilfestellung, wie sie selbständig die verschiedenen krankheitsbedingten
Probleme im Alltag bewältigen. Dazu gehört auch, dass Kinder nur dann
eine diätetische Einschränkung im Alltag benötigen, wenn Nahrungsmittel
definitiv als Auslöser für eine Verschlechterung der Neurodermitis
nachgewiesen sind. In diesem Falle bedarf es einer gezielten
diätetischen Beratung. Die richtige Nahrungszubereitung ist für
allergiekranke Kinder nicht immer einfach.
Ein vom
Bundesministerium für Gesundheit initiiertes und gefördertes Projekt zur
Schulung von Kindern zeigte, dass an Neurodermitis erkrankte Kinder und
Jugendliche sowie ihre Familien enorm von Schulungsprogrammen mit
verschiedenen Trainern profitieren können. An dieser Studie nahmen Dr.
Rüdiger Szczepanski aus Osnabrück und Professor Dr. Thomas Werfel von
der Hautklinik der Medizinischen Hochschule Hannover teil. Die
wissenschaftliche Veröffentlichung der Multizenterstudie, an der vier
pädiatrische Zentren und vier dermatologische Zentren teilnahmen,
erfolgte 2006 im British Medical Journal. „Die Kinder und ihre Familien
wurden im Rahmen der Studie von speziell ausgebildeten Ärzten,
Psychologen, Pädagogen und Diätassistenten darin geschult, wie sie das
quälende Hautleiden am besten in den Griff bekommen“, berichtet Werfel.
Sie erlernten beispielsweise Entspannungstechniken und Strategien zur
Minimierung der psychischen Belastung, erhielten eine Ernährungsberatung
und ein Training für Möglichkeiten der Kratzreduktion und des
alternativen Umgangs mit Juckreiz. Der fachübergreifende Ansatz, die
Patienten durch verschiedene Fachleute schulen zu lassen, war sehr
erfolgreich. „Den Kindern ging es sogar noch ein Jahr nach der Schulung
besser als gleichaltrigen Patienten, die keine Schulung erhalten
hatten“, so Werfel. „Das multiprofessionelle Schulungsteam aus Ärzten
und nichtärztlichen Fachleuten konnte den Betroffenen viele wichtige
Tipps geben, die sich langfristig positiv auf verschieden Lebensbereiche
auswirkten. Vom behandelnden Arzt allein können nicht alle Aspekte
abgedeckt werden.“
Erster Rahmenvertrag
mit Krankenkasse ist unter Dach und Fach
Die erfolgreiche Neurodermitis-Schulung wurde zunächst nur bundesweit in
den teilnehmenden Forschungszentren angeboten. Die Studie mit den
positiven Ergebnissen dazu hat zu einer Rahmenempfehlung der
gesetzlichen Krankenkassen für die Durchführung der Schulung und auch
für die Kostenerstattung geführt. Die Allergologen Szczepanski und
Werfel haben als offizielle Vertreter der Arbeitsgemeinschaft
Neurodermitisschulung e. V. (AGNES) mit der Betriebskrankenkasse (BKK)
einen ersten Rahmenvertrag für die Bundesländer Niedersachsen und Bremen
zur regelhaften Durchführung der Schulung abgeschlossen. Sie hoffen,
dass aufgrund dieses ersten Vertrages und aufgrund der Rahmenempfehlung
auch weitere gesetzliche Krankenkassen derartige Verträge abschließen.
Die Qualifikation zur Durchführung der Schulung kann bundesweit in
entsprechenden Akademien der AGNES erworben werden. Weitere
Informationen bietet die Internetseite:
www.neurodermitisschulung.de.
Patientenschulungen sind
als wichtiger Bestandteil der Behandlung chronischer Krankheiten wie
Asthma, Neurodermitis, Diabetes und Adipositas anerkannt. Im Rahmen der
Jahrestagung der AGNES und der Arbeitsgemeinschaft Asthmaschulung im
Kindes- und Jugendalter e. V. (AGAS, www.asthmaschulung.de) wurde
ein „Kompetenznetz Patientenschulung“ gegründet. das die vielfältigen
Schulungsaktivitäten nicht nur bezogen auf Asthma und Neurodermitis,
sondern auch auf andere atopische und nicht atopische Erkrankungen
bündelt und gemeinsam mit sozialpolitischen Entscheidungs- und
Kostenträgern eine breite Entwicklung und Umsetzung qualifizierter
Schulungsprogramme ermöglichen will. Die Förderung der Kompetenzen für
Kinder, Jugendliche und deren Familien ist heute ein
selbstverständlicher Bestandteil aller therapeutischen Bemühungen und
umfasst – nicht nur im Rahmen der Disease-Management-Programme –
ausdrücklich auch den Aspekt der Patientenschulung. Bisherige
Untersuchungen zu ökonomischen Auswirkungen zeigen, dass die
Patientenschulung zwar Geld kostet, aber bereits nach einem Jahr
Behandlungskosten einspart. Schulungen sind somit ein sinnvoller
Baustein im Rahmen der Betreuung chronisch kranker Patienten und deren
Familien.
In Osnabrück trafen sich
Anfang März 2008 fast 600 Teilnehmer während einer bundesweiten Tagung
zu ambulanten Schulungsmodellen, vornehmlich für Kinder und Jugendliche.
Ein weiteres wesentliches Anliegen des „Kompetenznetzes
Patientenschulung“, das im Rahmen dieser Tagung gegründet wurde, ist
dabei auch, die speziellen Bedürfnisse von einkommensschwachen oder
nicht deutschsprachigen Familien und die psychosozialen Folgebelastungen
der chronischen Erkrankung zu berücksichtigen.
Hintergrundinformationen
Neurodermitis
Neurodermitis
(atopisches Ekzem) zählt zusammen mit Heuschnupfen und Asthma zu den
so genannten atopischen Erkrankungen, deren Ursache noch weitgehend
unbekannt ist. Wahrscheinlich führen eine genetische Vorbelastung
und bestimmte Umweltfaktoren dazu, dass das Immunsystem
überempfindlich ist und auf eigentlich harmlose Reize mit einer
allergischen Entzündung reagiert.
Bei Patienten
mit Neurodermitis ist die Haut entzündet, vor allem am Hals und in
den Gelenkbeugen. Die betroffenen Stellen sind gerötet, schuppig und
haben eine vergröberte Struktur. Ein zum Teil unerträglicher
Juckreiz ist jedoch das hervorstechende Symptom und führt die
Betroffenen in einen Teufelskreis: Sie kratzen sich sehr viel, um
Linderung zu finden. Durch das Kratzen entstehen nässende und mit
Krusten belegte Infektionen und Entzündungen, die wiederum den
Juckreiz steigern.
Die
Erkrankung kann sich spontan zurückbilden oder der Beginn einer
Allergie-Karriere sein: Im Kindes- und Jugendalter erkranken die
Betroffenen oft zusätzlich an allergischem Schnupfen oder Asthma.
Viele Betroffene sind allergisch gegen Hausstaubmilben. Bei den
meisten Betroffenen tritt Neurodermitis schon vor dem ersten
Lebensjahr auf. Nur bei einem Teil der Kinder sind Nahrungsmittel
nachweislich Auslöser einer Hautverschlechterung. Dieses lässt sich
nur über gezielte Testung und einer eventuellen
Nahrungsmittelprovokation klären. Wird eine Nahrungsmittelallergie
als Auslöser für die Neurodermitis festgestellt, ist eine gezielte
diätetische Beratung erforderlich.
Wichtig für
eine erfolgreiche Behandlung der Neurodermitis ist es vor allem,
dass der richtige Arzt aufgesucht wird. Im Idealfall sollte dies je
nach Alter des Patienten ein Kinder- oder ein Hautarzt mit
allergologischer Zusatzausbildung sein. Zur Standardtherapie gehören
pflegende, rückfettende Salben oder Cremes und – bei schubartigen
Verschlechterungen der Hautkrankheit – kortisonhaltige Salben.
Kortison wirkt stark entzündungshemmend und Juckreiz stillend. Angst
vor einer gezielten und kontrollierten Kortisongabe ist unbegründet,
denn inzwischen gibt es sehr gut verträgliche Präparate.
Für
empfindliche Bereiche wie das Gesicht haben sich inzwischen auch
kortisonfreie Cremes mit den Wirkstoffen Tacrolimus und Pimecrolimus
bewährt (zugelassen für Kinder ab dem 3. Lebensjahr). Ihr
Wirkprinzip: Als so genannte topische Immunmodulatoren blockieren
sie die Freisetzung von entzündungsauslösenden Botenstoffen der Haut
und lindern daher die typischen Symptome wie Rötung, Schuppung und
Juckreiz.
Derzeit
testen mehrere Studienzentren in Deutschland außerdem eine
spezifische Immuntherapie gegen die Milbenallergie vieler
Neurodermitiker. Die Immuntherapie (Hyposensibilisierung) ist eine
Standardtherapie bei Allergien gegen Pollen, Hausstaubmilben,
Tierhaare und Insektengift. Erste Ergebnisse klingen viel
versprechend: Die Patienten haben nach der Behandlung weniger
Symptome und benötigen auch weniger Medikamente.
Patientenschulung
Primär hatten Programme zur
Patientenschulung das Ziel, die „Compliance“ von Patient und Familie
zu verbessern. Der klassische Begriff der Compliance beinhaltete das
Ausmaß, in dem das Verhalten eines Patienten mit den Empfehlungen
und Ratschlägen eines Arztes übereinstimmt. Daraus leitete sich dann
der Begriff „Non-Compliance“ ab, der ein negatives
Persönlichkeitsmerkmal des Patienten („schwieriger Patient“)
bezeichnete, das als Hindernis der Durchführung ärztlicherseits
sinnvoller und intendierter Therapie wirkt. Dieser klassische
Begriff der Compliance ist heute überholt. An seine Stelle tritt der
Begriff des „Empowerment“: Dieser Begriff umfasst ein
partnerschaftliches und kooperatives Arzt-Patient-Verhältnis, in dem
beide Partner gleichermaßen dafür zuständig sind, die
Herausforderungen durch eine chronische Erkrankung im Alltag von
Patient und Familie zu meistern. Die Schulung hat in diesem
Zusammenhang das Ziel, die vorhandenen Kompetenzen bei Patient und
Familie zu steigern, die vorhandenen Ressourcen zu erweitern und
geeignete Selbstwahrnehmungstechniken zu vermitteln, damit der
Patient frühzeitig eigenständig eine beginnende Verschlechterung,
einen Schub oder eine entstehende gesundheitliche Problematik
erkennen und darauf reagieren kann. Daraus ist zu folgern, dass die
reine Vermittlung von Wissen nicht als Schulung anzusehen ist.
Zu einer Patientenschulung gehören
natürlich das handlungsrelevante Wissen und Verständnis über
Zusammenhänge der Krankheit, der Auslöser und der Therapie. Daneben
sind die Wahrnehmung von Früh- und Warnsymptomen, das Umgehen mit
psychosozialen Folgebelastungen und das Annehmen der Erkrankung von
Patient und Familie zentral wichtig. Durch Rollenspiele werden
Verhaltensstrategien geübt, die in Alltagssituationen umsetzbar
sind. Auch emotionale Aspekte spielen eine Rolle – beispielsweise
Ängste hinsichtlich der Auswirkung der Krankheit, möglicher
Nebenwirkungen der Medikamente, Lebensplanung, Berufswahl,
Schuldgefühle bzgl. des Entstehens der chronischen Erkrankung, usw.
– und müssen ebenso berücksichtigt werden, wie alle sonstigen
Auswirkungen der Erkrankung auf Patient und Familie.
Unter dem Stichwort „Niemand ist
alleine krank“ sind bei Schulungsprogrammen für Kinder und
Jugendliche immer die Eltern oder konstante Bezugspersonen in die
Schulung einzubeziehen. Dies ist wichtig, weil auch Jugendliche
selbst ihre Eltern als die wesentlichen Ratgeber in gesundheitlichen
Fragen ansehen. Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus der Tatsache,
dass der Patient und seine Familie sich selbst kompetent in
beginnenden kritischen Situationen helfen müssen, bevor überhaupt
ein Arzt bzw. ein Notdienst zur Verfügung steht. Das ist
beispielsweise zu Beginn eines erneuten Neurodermitisschubes der
Fall. Unter Umständen muss in solchen Situationen ein Repertoire an
sozialen Durchsetzungsstrategien vorhanden sein. Beispielsweise muss
ein Jugendlicher in der Lage sein, seine krankheitsbedingten
Bedürfnisse auch in der Schule und unter Freunden durchsetzen zu
können. Eltern müssen kompetent sein im Umgang mit den unzähligen
verwirrenden und den Familienalltag einschränkenden
„Patentrezepten“.
Zusammengefasst bedeutet Patientenschulung also eine pädagogische
und psychologische Intervention, bei der handlungsrelevante
medizinische Inhalte vermittelt und deren Umsetzung trainiert werden
mit dem Ziel, die Lebensqualität durch weitestgehende Autonomie und
möglichst große Kompetenz bei
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